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Sunday, 25 September 2011

Los von Rom? Eine Kritik der Papstkritik

Die Linke bezog klar Stellung zum Papstbesuch. Die Hälfte ihrer Abgeordneten wollte zur Papstrede im Bundestag den Saal verlassen. Ich halte diese Ablehnung, die auch außerparlamentarisch in linken Kreisen weit verbreitet ist, für theoretisch und strategisch falsch. Wir bedürfen einer linken Antwort auf die Nein-zum-Papst-Rhetorik - eine Kritik der Papstkritik, wenn man so will.

Auch die Reise des Papstes nach England, bis vor kurzem meine Wahlheimat, war umstritten. Simon Hewitt legte damals dar, warum ihm die Gegnerschaft suspekt war, allerdings fußt sein Argument auf historischem Materialismus und damit einem britischen Kontext, der für Deutschland nicht gilt. Der deutsche Antikatholizismus täte gut daran, die eigene Geschichte zu verstehen.

Deutschland ist in Europa fast einzigartig in seiner Teilung in zwei Konfessionen ähnlicher Größe.* In den Religionskriegen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gelang keiner Seite der Sieg, und durch die Zermürbung der Kaisermacht gab es in Deutschland bald gar keine Instanz über den einzelnen Fürstenhäusern, die nach dem Prinzip cuius regio, eius religio ihre Untertanen dem eigenen Glauben unterwarfen. (Vielleicht aus diesem Grunde wanderten meine evangelischen Vorfahren im frühen achtzehnten Jahrhundert aus Oberösterreich nach Pommern aus.) Nachdem Preußen Österreich aus Deutschland drängte, verblieben im Kaiserreich sechzehn Millionen Katholiken - vor allem im Süden und Westen, im Ermland, in Oberschlesien und den polnischen Grenzgebieten - zu achtundzwanzig Millionen Protestanten.

Den Hohenzollern waren diese Katholiken nicht lieb, sie wurden als "inneres Frankreich" des Sympathisantentums mit äußeren Mächten verdächtigt, als Reichsfeinde gebrandmarkt und im Kulturkampf von Bismarck bekriegt: kurzum, die Kirche diente den Herrschern des Junkerstaates als Scheinfeind, um die eigene Macht zu sichern. Katholiken wehrten sich politisch durch die Zentrumspartei, viele traten auch der SPD bei. Zugleich formierte sich unter den Deutschnationalen Österreich-Ungarns die Los-von-Rom-Bewegung, die Antikatholizismus mit Antisemitismus verband. Protofaschisten wie Georg von Schönerer traten zu dieser Zeit zum Protestantismus über.

War der Nationalsozialismus offiziell konfessionsneutral, so stand er doch der katholischen Kirche von Anfang an als außerdeutscher Macht ablehnend gegenüber. Im katholischen Deutschland gelang den Nationalsozialisten niemals der Durchbruch, der das ländliche, evangelische Norddeutschland zu ihrer Hochburg zumindest nach Stimmenanteilen gemacht hatte. Alfred Rosenberg erklärte im Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts, das Papsttum sei aus den haruspices, den Wahrsagern der Etrusker, entstanden und somit asiatischen, "nichtarischen" Ursprungs. Erst nach 1945 gewann der Katholizismus im Westteil Deutschlands Gleichberechtigung und konnte auch zum Kulturleben der Bundesrepublik oft entscheidend beitragen.

Natürlich betrachten die meisten heutigen Papstgegner diese unschöne Geschichte des deutschen Antikatholizismus mit Abscheu, viele werden auch gar nichts davon wissen. Jedenfalls ist die Ablehnung der katholischen Kirche kein unbeflecktes Gelände: ein Nein zum Papstbesuch muß mit einem Ja zum Existenzrecht des Katholizismus in Deutschland einhergehen. Auch stammen die wenigsten Papstgegner aus dem Umfeld des klassischen Protestantismus, sondern sind allgemein säkular eingestellt. Dennoch muß jede Papstkritik zum historischen Antikatholizismus in Deutschland Stellung beziehen und Katholiken klarmachen, daß ihrem Glauben und Brauchtum nicht allgemein das Daseinsrecht abgesprochen wird.

Eine Kritik der Papstkritik bedeutet nun keineswegs das unbedingte Ja zu allen Lehren des Vatikans. Die Gegner haben ja recht damit, daß zum Beispiel die Sexual- und Geschlechterpolitik Roms, auch der Umgang mit dem Mißbrauchsskandal sehr unzureichend war. Ich als Protestant melde natürlich weitreichende theologische Differenzen mit dem Papst an, von der Erlösung zur Ekklesiologie, dem Abendmahl und dem Bilderstreit. Das heißt aber nicht, daß man den Papst nicht einladen und ihm höflich zuhören könnte. Und wer den Papst ablehnt, der muß sich die Frage nach der eigenen Prinzipienfestigkeit gefallen lassen: würden dieselben Menschen ebenso energisch gegen Präsident Obama protestieren, der immerhin Tausende Menschen in Pakistan durch Drohnenangriffe hat töten lassen - was man vom Papst ja nicht behaupten kann?

Die säkulare Religionskritik wendet sich unterschiedslos gegen Protestanten und Katholiken, auch gegen Muslime und religiöse Juden. Sie muß sich dabei kritisch zu sich selbst verhalten und sich eingestehen, daß ihre Position oft zu imperialistischen Zwecken mißbraucht wird, wie es einst mit dem Christentum geschah. Westliche Kreuzritter wie Christopher Hitchens und Henryk Broder rechtfertigen mit der Religionskritik den Überfall auf muslimische Länder ebenso wie die fortdauernde Besatzung und Kolonisierung Palästinas. Sie muß also von ihren falschen Freunden genauso Abstand nehmen wie von ihren vermeintlichen oder wahren Gegnern. Außerdem muß sie ihr eigenes Vokabular überprüfen und sich klarmachen, daß es ihr nicht hilft, Christen für verblendet oder dumm zu erklären. Wer einen hochintelligenten Theologen wie Joseph Ratzinger als zurückgeblieben abstempelt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Die weitestverbreiteten Strömungen des Säkularismus entstehen nicht aus dem Marxismus, sondern aus einem falsch verstandenen liberalen Aufklärungsdenken, und sollten von der Linken darum nicht unkritisch angewandt werden. Marx' tatsächliche Religionskritik ist untrennbar mit der Gesellschaftskritik verbunden, wie in Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: Einleitung zusammengefaßt:
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Zwar halte ich im Gegensatz zu Marx "die Religion", die Marx unzulässig als allgemeines Phänomen zusammenfaßt, nicht für eine Illusion. Dem Hauptargument der Marxschen Religionskritik aber kann ich zustimmen. Wer das Ende der Religion proklamiert, ohne zugleich für das Ende aller Zustände, die den Menschen auf ein betteres Jenseits hoffen läßt, zu kämpfen, der ist nicht nur kraftlos, sondern Apologist des Jammertals. Im Gegensatz zum liberalen Atheismus leitet marxistische Kritik nicht die Geschichte aus dem Aberglauben, sondern den Aberglauben aus der Geschichte ab; sie sucht die gegenwärtige Gesellschaft aufzuheben, statt sinnlos zu verlangen, daß der Mensch sie illusionslos zu ertragen habe.

Aber die linke Papstkritik ist nicht nur theoretisch, sondern auch strategisch falsch. Die Linke bemüht sich seit Jahren, ihr West-Ost-Gefälle zu überwinden: im Osten Volkspartei, im Westen oft kleinste der parlamentarischen Parteien, muß sie unter den Arbeitern Westdeutschlands Fuß fassen. Nun sind aber die Industrieregionen Westdeutschlands, wie das Ruhrgebiet und Rheinland, unter den am stärksten katholischen Gegenden. Wer dort den demokratischen Sozialismus mit Gott-ist-tot-Parolen anreichert, stellt sich selbst ein Bein. Linke Politik sollte sich den Arbeitern vorurteilsfrei nähern und von ihnen lernen, nicht ihre Anschauungen von vornherein für vorsintflutlich erklären.** Sie muß den Schulterschluß mit wirklichen Menschen wagen, nicht mit solchen, wie sie sie gerne hätte. Das erkennt die Partei ja seltsamerweise auch, wenn es um Palästina oder den Irak geht, aber in Dortmund soll es aus irgendeinem Grunde (der ja, man vergesse es nicht, auch anrüchig sein kann) anders sein.

Der Schwund des Christentums in Deutschland hat übrigens eine merkwürdige Nebenwirkung. Die Absage, die der Papst dem weiteren Zusammenwachsen der Kirchen erteilte, wertet die Presse als "Enttäuschung" für Protestanten, deren Hoffnungen der Papst zunichte mache. Er fühle sich Orthodoxen näher als Protestanten, sagte der Papst und brachte damit, so möchte man meinen, evangelische Kirchenhäupter zum Weinen. Das klingt, als seien Ost- und Lutherkirchen verlorene Söhne, die um das Wohlwollen eines unzufriedenen Vaters wettbuhlen und am liebsten so bald wie möglich wieder bei ihm einziehen wollen. Ich darf vermelden, daß meine Enttäuschung sich in Grenzen hält: die protestantische Tradition, sei sie lutherisch oder calvinistisch, reicht längst aus, um auch ohne den Papstsegen fortzubestehen. Das überstehen wir schon.

* Jugoslawien und Irland ähneln Deutschland in dieser Hinsicht.
** Natürlich hat diese Einstellung Grenzen. Frauen- und Fremdenfeindlichkeit sind z.B. stets abzulehnen, da sie die Arbeiter teilen und schwächen. 

UPDATE: An English paraphrase of this post can be found here

Friday, 23 September 2011

Jan Fleischhauers Kampf gegen das Böse

An dieser Stelle eine Fußnote zu meiner längeren Polemik gegen Jan Fleischhauer, die konservative Ein-Mann-Sturmabteilung des Spiegels. Fleischhauer hat sich diesmal linke Verschwörungstheorien vorgeknöpft, vor allem zur Griechenlandkrise, eigentlich aber zu diesem und jenem, wie das in seiner Kolumne oft der Fall ist.

Fleischhauers rhetorische Taktik ist barbarisch einfach. Zunächst einmal wird sarkastisch der "unbedarfte Zeitgenosse" vorausgesetzt, der nicht in der seltsamen Welt der Linken lebt: Volkes Stimme, deren simple Vernunft der linken Meinungselite nicht gut genug ist - so sei "der Niedergang Griechenlands Folge einer Politik, die auf übermäßige Schulden statt auf Wachstum setzte, und für die nun, mit Verspätung, die Rechnung präsentiert wird". Daß dieser common sense stets mit der Meinung von Kanzlerin und Konservatismus übereinstimmt, muß Zufall sein.

Der offenkundigen Wahrheit wird nun ein Strohmann gegenübergestellt, der ausschließlich glaubt, was dumm, verrückt und außerdem dem gemeinen Volke schädlich ist: "die Linken" als solche. Ob Fleischhauer dabei im Einzelfall recht hat (was allgemein nicht der Fall ist), ist nicht wichtig, da er sich mit seiner fehlerhaften Argumentationsweise schon selbst aushebelt und des konkreten Gegenbeweises gar nicht bedarf.

Am schönsten aber ist Fleischhauers Zusammenstellung der verabscheuten Verschwörungstheoretiker:
Es ist kein Zufall, dass sich das paranoide Denken vor allem in den kritischen Kreisen hält. Wer laufend gegen das Böse kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist naturgemäß etwas angespannt. Der Kampf gegen drohendes Unheil, sei es der Atomtod oder die Diktatur der Finanzmärkte, gibt dem Leben Richtung und Sinn, was sich bei der Nachwuchsgewinnung durchaus bezahlt macht. Nur führt die nervöse Weltsicht eben auch dazu, dass sich die Perspektiven verschieben und der Realitätssinn leidet. Von der Rede über das "System" bis zur Annahme, dass SIE im Hintergrund die Fäden ziehen, ist es nur ein kleiner Schritt.
Ein treffenderes Selbstportrait hätte Fleischhauer kaum gelingen können, hat er sich doch dem Kampfe gegen das durchaus als böse empfundene linke Meinungsmonopol verschrieben. "Die Linke" ist für ihn eine Masse, die mit einem Willen alles unterminiert, was ihm lieb und teuer ist - wobei seine Monomanie die zur Schau getragene spöttische Überlegenheit Lügen straft. Eben weil er die Linke als geschlossene Feindesmacht begreift, kann er Naomi Klein, 9/11-Verschwörungstheoretiker und erfundene Positionen vermengen, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist letztlich doch alles eins.

Ist denn nun die griechische Katastrophe den Machenschaften der Banken zuzuschreiben? Natürlich nicht. Ebenso wie die Finanzkrise hat niemand die Eurokrise beabsichtigt. Aber dieses Beben, das niemand wollte und mit dem zunächst niemand umzugehen wußte, hat sich doch als Geschenk für gewisse Interessen erwiesen. In Großbritannien ergab sich daraus die Chance, aus einer mutmaßlichen Schuldenkrise die schon lange gewünschte Abwicklung des Sozialstaates zu postulieren; in Griechenland wird der öffentliche Dienst des Landes an internationale Firmen verscherbelt. Naomi Klein, die Fleischhauer wohl nicht gelesen hat, behauptet eben nicht, daß Weltkrisen von bestimmten Gruppen absichtlich ausgelöst werden, sondern daß die Ideologie der Chicago School ihre Jünger dazu befähigt, unabhängig entstehende Krisen in eine neoliberale Richtung zu lenken.

Fleischhauer ist auch darum ein Ritter von der traurigen Gestalt, weil er alle jene Züge, die er auf die Linke projiziert, selber aufweist. Ein Mensch, der sich dem Kreuzzug gegen alles Linke verschrieben hat, dürfte wohl als paranoid beschrieben werden; und wer sich als publizistischer Guerillero versteht, der zieht wohl gegen böse Machenschaften ins Feld. Die verschwörerische Deutung der Griechenlandkrise, die Fleischhauer übrigens gar nicht belegt - es muß sie geben! - ist mir dabei völlig unbekannt, obwohl ich unter Linken ein- und ausgehe. Fleischhauers Spiegelfechtereien ärgern mich nicht wegen ihres Gehalts, denn sie haben keinen. Mich wurmt das Spöttisch-Herablassende von jemandem, der zu Überlegenheitsgefühlen reichlich wenig Anlaß hat.

Friday, 9 September 2011

Gewalt und Kinderzorn

Das Kaiserreich ist der Vergessenheit anheimgefallen. Das wäre nicht schlimm, handelt es sich doch um ein insgesamt widerwärtiges Kapitel unserer Geschichte. Zu bedauern ist nur, daß die Revolution, die die Junkerherrschaft stürzte, dabei mitvergessen worden ist. Denn in ihr lag die Chance, den verhängnisvollen Lauf der deutschen Geschichte abzubiegen. Michael Hanekes Film Das weiße Band: Eine deutsche Kindergeschichte argumentiert eindrucksvoll, daß die Wurzeln des Nationalsozialismus eben im Kaiserreich liegen.

Im Dörfchen Eichwald, irgendwo im deutschen Nordosten im letzten Friedensjahr 1913-1914: der Arzt stürzt mit seinem Pferd über ein verstecktes Seil. Der Sohn des Barons wird gefesselt und verprügelt im Wald aufgefunden. Ein Täter kann nicht festgestellt werden. Während die Erwachsenen nach einer Erklärung für die anscheinend sinnlose Gewalt suchen, verstreicht das letzte sieche Vorkriegsjahr.

Das Schwarz-Weiß-Schema des Films spiegelt die Kälte des Stoffs wieder. Die erzählerische Distanz, die Haneke streng aufrechterhält, erlaubt keine Identifizierung mit einzelnen. Hier wird ein Dorf als Mikrokosmus Deutschlands beleuchtet, als Wiege des deutschen Faschismus. Den versteht Haneke als Rache einer unterdrückten und brutalisierten Generation, deren Gewalt sich gegen alles Fremde entlud. Sie mußte den nach außen getragenen Vatermord doch als Säuberung verstehen und also gerade in ihrer Überwindung die elterliche Strenge verwirklichen.

Der Untertitel "Eine deutsche Kindergeschichte" trifft es genau. Der ernste Pastor (Burghart Klaußner) bindet seinen Kindern zur Erinnerung an die geforderte Reinheit das weiße Armband des Titels um. Die Jugend des Dorfes ist stumm und fügsam, man soll sie sehen und nicht hören. Die Kinder haben nicht die Kraft, sich offen zu wehren. Aber ihre haßerfüllten Blicke, ihr eisernes Zusammenhalten und Sich-Verschwören gegen die Welt der Erwachsenen spricht Bände. Der junge Lehrer (Christian Friedel) ahnt, was die anderen Erwachsenen nicht sehen können und wollen.

Der Gewalt der Eltern gegen die Kinder steht der Zwang der Herrenschicht gegen das gemeine Volk gegenüber. Es ist gerade die gönnerhafte Leutseligkeit des Barons (Ulrich Tukur), die ihn widerwärtig macht, und das nicht nur seinen Untergebenen, sondern auch seiner Frau (Ursina Lardi). Das weiße Band zeichnet das Bild einer Gesellschaft, deren unerträgliche innere Gewalt sich nicht entladen kann. Sie mußte exportiert werden; wäre nicht, wie es die plump-selbstherrliche Kriegspropaganda wollte, "jeder Stoß ein Franzos'" gewesen, so hätten sich wohl die Gutsherren vor den Bajonetten wiedergefunden - was dann ja auch geschah.

Dabei muß man dem Regisseur, was mir sonst nicht behagt, zu seinem eigenen Film widersprechen. Haneke will Das weiße Band als Film über Ideologie an sich, nicht nur über den deutschen Faschismus verstanden wissen. Die Ideologie "an sich" aber ist Fiktion, der Film dagegen zeichnet eben eine konkrete historische Situation statt eines ewigen Gleichnis. Daß der Nationalsozialismus in der evangelischen Provinz Norddeutschlands einen Nährboden fand, ist ebensowenig zu bestreiten wie sein Ursprung im Kleinbürgertum, von dem er auf andere, gemeinhin unsichere und bindungsarme Klassen – die Arbeitslosen, das Großbürgertum, die in Not geratenen konservativen Eliten des Kaiserreichs – übersprang.

Als Wermutstropfen ist anzuführen, daß der Film nicht immer ganz authentisch wirkt. Hie und da zerbricht die Illusion der spätwilhelminischen Gesellschaft. So spricht bis auf den bayerischen Gutsverwalter jedermann geschliffen hochdeutsch, das doch damals nur die Sprache der Herrschaft und der Gebildeten war – man erinnere sich an den pater familias in Thomas Manns Buddenbrooks, der plattdeutsch spricht, um im Revolutionsjahr 1848 das meuternde Volk zu besänftigen. Nur der Vater des Kindermädchens Eva hat einen ausgesprochen norddeutschen Zungenschlag; insgesamt ist die Sprechweise der Charaktere allzu modern. Die Baronin, zugegebenermaßen eine Dame von Welt, spricht gar von „Fairneß“.

Daß die Kritik zu solcher Haarspalterei greifen muß, um Das weiße Band zu kritisieren, ist ein Kompliment an den Regisseur. Der Film ist weniger spannend als beklemmend, aber gerade die kritische Distanz erlaubt den Blick auf das Grauen. Wir Nachgeborenen wissen, was sich da zusammenbraut. Nur treibt einen die Ahnung um, daß wir weniger gelernt haben, als gut für uns wäre.

Monday, 18 July 2011

Die Wacht in Wapping

Der Abhörskandal um die News of the World ist nicht nur eine Blamage für eine Zeitung oder einen Konzern. Vielmehr zeigt er die Verstrickungen zwischen der Macht Murdochs, der Polizei und der Politik. Als solches handelt es sich um eine Krise für einen gewaltigen Komplex - eine Krise, die die Meinungshoheit der britischen Herrscher insgesamt bedrohen könnte.

Das ist das Ausmaß des Skandals. Kein Wunder, daß Murdochs Parteigenossen darum ständig versuchen, das Ganze kleinzureden. Mein Lieblingsfeind Jan Fleischhauer zum Beispiel sieht hier nur einen Konflikt zwischen Murdoch, dem Helden der konservativen Volksmeinung, und linken Eliten, die den armen Mann wegen seiner unliebsamen politischen Überzeugungen verfolgen.

Es ist typisch für Fleischhauer, erstens das Thema grob zu entstellen und zweitens allerortens die Verschwörung der "Linken" zu wittern - die zu definieren er übrigens nicht vermag. In dieses Schema muß alles passen, darum die Verzerrung. Es lohnt sich darum selten, sich an Herrn Fleischhauer abzuarbeiten.

Dennoch muß der Behauptung entschieden widersprochen werden, daß, "wer auf die bunten Blätter herabschaut [sic!], [...] in Wahrheit auch das Volk [verachtet], das diese Medien groß und mächtig macht". Erstens wird hier wieder der eigentliche Punkt verzerrt: es geht hier nicht um den Boulevard an sich, sondern um die Macht Murdochs in Großbritannien, der ein stetig wachsendes Regiment von Medien straff nach Parteilinie gegen Migranten, Schwule und Linke hetzen läßt. Damit wird echte politische Meinungsbildung natürlich erschwert.

Wer also ein sich aggressiv ausbreitendes Imperium als letzte Bastion der Volksmeinung verstanden sehen will - wer den Milliardär Murdoch und einen gelackten Schreiberling zum Helden des kleinen Mannes macht - , der verdreht klar die realen Machtverhältnisse. Das hat bei Fleischhauer Methode. Er stilisiert sich stets als publizistischen Guerillakämpfer, als letzten Konservativen, den die linke Hegemonie mundtot machen will. Ironisch ist dabei, daß diese Selbststilisierung zum Opfer eben das ist, was Fleischhauer angeblich an den Linken mißfällt.

Zuletzt obliegt es mir, Herrn Fleischhauers albernes Nichtargument über entrüstete Deutsche abzutun: 
Die meisten, die sich nun hierzulande über Murdoch und die Recherchepraktiken in dessen Reich erregen, haben zwar wohl noch nie eines seiner Produkte in der Hand gehalten, aber man kann sich ja auch fremdempören. Das ist sogar noch schöner, als wenn man selbst nah dran ist.
  Nun muß man Herrn Fleischhauer zugestehen, daß er tatsächlich auch schon in Übersee gearbeitet hat. Zur Zeit linst er aber auch nur über seinen deutschen Schreibtisch. Nun, ich lebe in England, bin darum nah dran und darf Herrn Fleischhauer versichern, daß ich Murdochs Produkte in Händen gehalten und mich auch darum mitempört habe. Als dürfe man sich als Ausländer nicht aufregen: was wird da aus aller Empörung über die Zustände beim Feind, von Iran bis Nordkorea? Die sollten Fleischhauer und seine Spießgesellen dann wohl auch zurückziehen und sich auf eigene Sauställe besinnen.

Fleischhauer glaubt, in Kafkascher Hatz von der Linken verfolgt zu werden. Seine Wahnvorstellungen seien ihm gegönnt. In Wirklichkeit aber ist es Murdoch, dem in Großbritannien ein mächtiges Sprachrohr gehört. Der Kanonendonner gegen die Feinde des Australiers kann hier Debatten schaffen und abwürgen - dazu müssen oft nicht einmal Lügen geschmiert werden, Verzerrung reicht. Wer offene demokratische Meinungsbildung will, kann den Niedergang des Wapping-Reiches kaum bedauern.

Tuesday, 7 June 2011

Fleischhauer schlägt wieder zu!

Daß ich regelmäßig die Spiegel Online-Kolumne des Herrn Fleischhauer lese, mag auf Persönlichkeitsprobleme hindeuten. Fleischhauer liest man am besten in kleinen Dosen, sonst erschöpft sich der eigene Zorn an der schieren Gemeinheit und Dummheit seiner Polemik. Der feine Herr ist die Abteilung Attacke einer gewissen Art rechten Bürgers, der sich bestens frisiert und in edle Anzüge gekleidet über den realitätsfernen Pöbel lustig macht. Der nämlich - man glaubt es kaum! - verlangt Dinge wie Atomausstieg, Frieden, ein Ende des Klassenkampfes von oben. Der Linke als Träumer ist der Mittelpunkt der Rhetorik Fleischhauers, der sich selbst als Bewahrer der Aufklärung sieht. Politik ist die Herrschaft der aufgeklärten Elite über den unwissenden und nichts wissenwollenden Gefühlsmenschen.

So in seiner neuesten Kolumne, in der Herr F. den Kirchentag in Dresden kritisiert. Für mich als Christen und Sozialisten ist das Thema doppelt interessant. Daß Fleischhauer die EKD nur als eine der "Vorfeldorganisationen" der ihm verhaßten Grünen ansieht, ist kurios, entspricht aber seiner kämpferischen Grundhaltung. Die von ihm zitierten Resolutionen - "Alternativen zum Wirtschaftswachstum", Schutz der Roma vor Ausweisung und das "Recht auf ein Leben ohne Bedrohung durch atomare Strahlen" sind vernünftig; allein den Antrag an die Kirchenleitung, das Schicksal der "der als Hexen hingerichteten Bürger und Bürgerinnen" aufzuarbeiten, scheint mir ein bißchen lächerlich. Was wendet nun Fleischhauer gegen besagte Resolutionen ein?

Vor allem dies: die Anträge zeigten einen "Stolz auf das unbedarfte Denken" auf.

Mit dem Herzen zu denken beziehungsweise mit dem Kopf zu fühlen... gilt auf dieser Art von Veranstaltung als besondere Tugend. Mit der Aufklärung hat sich der Sentimentalismus nie wirklich anfreunden können, Rationalität muss seit langem mit dem Vorwurf leben, zynisch, kalt, ja irgendwie männlich zu sein. Der Stolz auf das unbedarfte Denken ist geradezu Signum der Gefühlstheologie: "Präreflektierte Unmittelbarkeit" sei doch "eigentlich ganz schön", verkündete Margot Käßmann zum Auftakt der grünen Tage in Dresden, womit sie zweifellos vielen Zuhörern aus dem - ja: Herzen - sprach.
 Und ganz unrecht hat Herr Fleischhauer hier gar nicht: tatsächlich hat sich "der Sentimentalismus" mit "der Aufklärung" nicht abfinden können. Hat nicht die Bourgeoisie "die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt" (Marx/Engels)? Aber der selbsternannte Hüter aufklärerischer Vernunft ist der eigentlich Unvernünftige.

Stimmt es, daß "es auf Dauer schwierig sein dürfte, ein Industrieland ganz ohne verlässliche Energiequellen am Laufen zu halten"? Was heißt "verläßlich"? Verläßlich ist bei fossiler Energie nur die zunehmende Umweltzerstörung nebst ständig drohender Katastrophen, d.h. die Vernichtung unseres Lebensraumes. Damit ist "ein Industrieland" vielleicht "am Laufen zu halten", die Menschen aber nicht. Das ist durchaus logisch: der Bourgeois setzt die Reproduktion seiner Macht gleich mit dem Wohlergehen der Gesellschaft und arbeitete darum im Namen des Fortschritts einst Kinder zu Tode (was nun angenehmerweise größtenteils anderswo geschieht - zum Glück gibt es ja die räumliche Distanz).

Marcuse charakterisiert das als eindimensionales Denken, die Anwendung tadelloser Logik und Rationalität, die sich beim kritischen Hinsehen als katastrophal unvernünftig erweist. Ständiges explosives Wirtschaftswachstum mag den Herren Wirtschaftsweisen vernünftig erscheinen, ja vielleicht sogar eine Existenzbedingung des heutigen Kapitalismus sein. Weil die Ressourcen der Erde aber endlich sind, wird die Forderung nach größerem Wirtschaftswachstum zur Forderung nach der beschleunigten Selbstvernichtung der bürgerlichen Gesellschaft - was so schlimm nicht wäre, wenn sie uns allesamt nicht mit ins Grab risse. Nichts ist unvernünftiger als die Position der Kanzlerin, die uns schnellstens in die Vorkrisenzeit zurückversetzen will, als wir eben vor der Krise standen.

Auch das brutale Absenken des allgemeinen Lebensstandards, die wir gerade in Großbritannien und anderen Ländern erleben, die gewaltsame Umverteilung von unten nach oben scheint sinnvoll, will man den stotternden Motor des Kapitalismus wieder in Fahrt zu bringen (vorausgesetzt, man hält Binnennachfrage für unwichtig). Wer aber am Wohlergehen des Menschen und nicht am Kontostand der Herrscher ansetzt, wird diese "Vernunft" höchst unvernünftig finden. Dazu muß man keineswegs nur mit dem Herzen denken. Die Logik des Kapitalismus läßt sich verteidigen, aber nur "by arguments which are too brutal for most people to face, and which do not square with the professed aims of the political parties". Darum die beispiellose Propagandaoffensive der letzten Jahre.

So löst sich Fleischhauers Kritik an "sentimentalem" Wunschdenken letztlich auf in Kritik alles Denkens, das beim Menschen statt beim Gewinn des Kapitalisten ansetzt. Wer den Menschen als Subjekt und nicht nur als Instrument wahrnimmt, kann Fleischhauer nicht folgen.

Gegen Ende seines Auswurfs aber gelingt es Fleischhauer dann doch, eine interessante Debatte anzustoßen. Er sieht das kirchliche Interesse an weltlichen Themen als fatale Selbstschwächung:

Die Folgen der Selbstsäkularisierung sind heute an vielen Gottesdiensten ablesbar. Kaum ein Pastor traut sich noch, ungeniert von Himmel und Hölle zu sprechen, und wenn, dann ist das nur allegorisch gemeint, wie er sich hinzuzufügen beeilt. Stattdessen findet sich in jeder guten Sonntagspredigt die Litanei über den Kriegstreiber Amerika, die Schrecken der Globalisierung, das Elend der Hartz-IV-Empfänger.

Diese Diesseitsfixierung hat einen für die Kirche unschönen Nebeneffekt: Mit der Verschiebung des Erlösungshorizonts, der sich ganz aufs Heute richtet, setzt sie sich der Konkurrenz zu weltlichen Glaubensorganisationen aus, die dem Bedürfnis nach entschiedenem Handeln sehr viel besser nachkommen können. Warum nicht gleich Mitglied bei Greenpeace, Peta oder Amnesty werden?
 Fleischhauers Argument liegen zwei falsche Annahmen zugrunde.

Erstens hat es niemals ein Zeitalter gegeben, in dem Kirchen sich unpolitisch verhalten hätten - und das nicht nur, weil Politik zwangsläufig alle Lebensbereiche durchdringt. Kirchen sind immer politisch positioniert. Die Kirchen des Kaiserreichs lehrten statt der Subversion, die Fleischhauer mißfällt, eben Ruhe, Gehorsam und Ordnung als Christenpflicht und halfen damit dem status quo in Deutschland. Luther verfaßte neben der Freiheit eines Christenmenschen auch An den christlichen Adel deutscher Nation und griff damit religiös-politische Zustände an. Eine Art politische Neutralität der Kirche ist nur durch Staatsterror zu erreichen.

Zweitens ist die Trennung zwischen "Religion" und "Politik" fiktiv. Es gibt keine religiöse Sphäre, in der es nur um Engelein und Abendmahl ginge, die Gesellschaft insgesamt aber fein säuberlich außen vor bliebe. In der Gottesherrschaft des Alten Testaments ist das unübersehbar, aber auch das Evangelium ist zutiefst politisch. Die Werte, die Gläubige ihrer Religion entnehmen, beeinflussen ihr politisches Engagement, und die Gesellschaftskonstellation durchdringt umgekehrt die Kirche. Die scheinbare Trennung von Religion und Politik, Staat und Kirche ist dafür sogar das beste Beispiel, denn sie ist das unmittelbare Produkt der kapitalistischen gesellschaftlichen Revolution (wozu siehe Marx, Zur Judenfrage).

Stimmt es nun, daß "[k]aum ein Pastor [sich noch] traut..., ungeniert von Himmel und Hölle zu sprechen"? Damit hat Fleischhauer in meiner Erfahrung allerdings recht. Und wenn die Kirche also zur Gruppentherapie und Ethikstunde verkommt, in der man sich der Bibel schämt, wie vielerorts geschehen, macht sie sich tatsächlich selbst überflüssig. Aber daraus läßt sich keineswegs schließen, daß die Kirche gesellschaftliches Engagement aufgeben und nur noch von Kreuzigung und Höllenfeuer zu erzählen hätte. Ein solcher Rückzug wäre wie schon gesagt ohnehin unmöglich. Vielmehr gibt das Evangelium der Kirche eine einzigartige Perspektive auf gesellschaftliche Fragen und kann einen Dialog zwischen Gott und Welt anstoßen, der beide bereichert.

Jesus' Spruch, wonach ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich gehe, ist wenig tröstlich für die Herrschaft. Jesaja 58 zerlegt die zurschaugestellte Frömmigkeit jener Elite, die zugleich die Armen auspreßt. Das Evangelium - daß alle Menschen in ihrem Wert, aber auch ihrer Schuld vor Gott gleich sind und Christus als Mensch lebte, hungerte, litt und für uns starb - gehört keineswegs jenen, die aus ihm Akzeptanz der Gesellschaftsordnung ablesen wollen. Vielmehr leitet es zur Kritik an. Diese Kritik - den Dialog zwischen Wort und Welt - kann die Kirche führen. Daß sie sich in Dresden in die großen Gesellschaftsfragen einmischt, ist gut für die Kirche und gut für die Gesellschaft.

Monday, 10 January 2011

Die rote Bedrohung vom Karl-Liebknecht-Haus

Gesine Lötzsch verlangt eine Parteidiktatur sowjetischer Prägung in Deutschland, und zwar sofort. Inspiriert von Stalin, Mao und Pol Pot will sie unser Land in den strahlenden Morgen der kommunistischen Utopie versetzen, selbst – nein, gerade! – wenn es Abermillionen Menschenleben kostet.

Könnte man meinen, wenn man in der letzten Woche die bürgerliche Presse durchblätterte. Der „Spiegel“ hatte die Alarmglocken geläutet ob eines Artikels, den Gesine Lötzsch, Parteichefin der Linken, in der „Jungen Welt“ veröffentlicht hatte, Titel: „Wege zum Kommunismus“. „Klartext bei der Linken“, fand „Spiegel“-Autor Stefan Berg. Jan Fleischhauer setzte noch einen drauf: die Linkspartei nehme Frau Lötzsch „vor allem übel, dass [sic!] sie den Leuten so direkt auf die Nase gebunden hat, wohin die Reise mit der Linkspartei geht, sollte sie wieder [sic!] an die Macht kommen“.

Die Linke, eine Bande gemeinster Verschwörer! Aber sehr marxistisch kann man solches Doppelspiel kaum nennen. Heißt es nicht im „Kommunistischen Manifest“: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung“? Da gleicht die Linke dann wohl eher jenen roten Komplotten, die die Phantasie der Kalten Krieger Amerikas zirka 1950 bevölkerten.

Daß der „Spiegel“ sich gerne ab und an als staatstragendes Hetzblatt betätigt, interessiert hier nicht. Es hülfe den Herren Berg und Fleischhauer aber möglicherweise, den anstößigen Artikel auch zu lesen. Reichlich seltsam nimmt sich zum Beispiel Stefan Bergs Ausspruch aus, daß Lötzsch die „Blutspur“ des Kommunismus vergesse: „Kein Wort verliert sie über die Opfer des Kommunismus, über die Lager in der Sowjetunion, in China oder in Korea, die alle im Namen des Kommunismus errichtet wurden.“ Es ist kein Wunder, daß diese Opfer nicht erwähnt werden – lehnt doch Lötzsch einen leninistischen Kurs ausdrücklich ab. Sie spricht sich aus für den „Linksradikalismus – [diese] ‚Kinderkrankheit des Kommunismus‘ (Lenin)“. Für Rosa Luxemburg, deren Ideen hier bewundert werden, war der Sozialismus „kein fertiges Ideal, kein genial entworfener Bauplan, sondern etwas, das aus den realen Kämpfen wachsen würde“, ganz im Gegensatz eben zu den Ideen Lenins und Trotzkis, die zur gleichen Zeit das Sowjetsystem aufbauten.

Tatsächlich tritt Gesine Lötzsch in diesem Artikel ein für etwas, das früher Revisionismus geheißen und vor hundert Jahren noch von der SPD als rechtssektiererisch verdammt wurde: die graduelle Verschiebung des Machtgefüges durch die Demokratisierung und Sozialisierung von Institutionen und Wirtschaftsbereichen, das „Zurückdrängen“ kapitalistischer und imperialistischer Kräfte: „die Profitdominanz über Wirtschaft und Gesellschaft zu überwinden, die Ansätze einer neuen Gesellschaft ‚hineinzupressen‘ in die alte, bis sich beweist, daß dem demokratischen Sozialismus die Zukunft gehört“. Nun ist das natürlich nicht mehr als die seit Jahren aus Wahlprogrammen und dem Parteiprogramms-Entwurf bekannte Strategie der Linkspartei, nicht ganz korrekt präsentiert als ein konsequentes Umsetzen der Ideen Rosa Luxemburgs. Aber so schreiben sich keine reißerischen Artikel: nein, der Russe muß her, wie er mit Plattenbau und Kalaschnikow die abendländische Kultur bedroht.

Das Zahlenspiel über Opfer, das die „Spiegel“-Autoren begeistert herbeirufen, könnte man mitspielen, aber eine solche Instrumentalisierung ermordeter Menschen gereicht den Beteiligten nur zur Schande. Daß aber der Kapitalismus, der in imperialistischen Kriegen, durch Hunger, Krankheit und Schufterei seit über zweihundert Jahren Menschen systematisch hinwegrafft, im Namen der Menschlichkeit verteidigt wird, ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Tuesday, 28 September 2010

Nach unten wird getreten...

Thilo Sarrazin hat sein Ziel erreicht: er ist zum Impulsgeber für die Politik geworden. Groß war das Geschrei zunächst: krudester Biologismus! Pseudowissenschaftlicher Murks! Fast sofort aber hieß es, der Bundesbanker spreche echte Probleme an: zu schrill sei nur seine Sprache. Angela Merkel verlangte öffentlich eine Debatte ohne Tabus, die sie als Kanzlerin eigentlich führen und nicht bloß fordern könnte. Analysierte der „Spiegel“ letzte Woche noch den „Provokateur“ Sarrazin, fragte das Magazin in der nächsten Ausgabe, „warum Deutschland an der Integration scheiterte“.

Der Konsens, Sarrazins Kritik sei überspitzt, enthalte aber ein Körnchen Wahrheit, ist keineswegs neutral: in ihm spiegelt sich ein Weltbild, das der Wirklichkeit kraß widerspricht. Die Kanzlerin gab den Ton bereits vor. Integration dürfe keine Einbahnstraße sein, sagte Merkel. Die deutsche Gesellschaft habe sich um die Integration ihrer ausländischen Mitbürger bemüht. Die aber sollten nun auch das Ihre tun.

Dieses Schema erinnert verblüffend an das Muster, nachdem eine andere Bevölkerungsgruppe besprochen wird: die Ärmsten. Auch diese gelten der Regierung und der ihr freundlich gesinnten Presse als starrsinnig und kulturell degoutant. In ihrer „spätrömischen Dekadenz“ (so der Außenminister) schlügen sie, trotzigen Kindern gleich, die großzügigen Hilfen des Staates aus, um mit ihren stetig wachsenden Kinderscharen die Sozialsysteme (also Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!) zu belasten. Sie lebten parasitär in ihren selbstgewählten Ghettos auf Kosten der Allgemeinheit in Saus und Braus. Einwanderer wie Arbeitslose seien undankbar und schotteten sich aus moralischer Verwerflichkeit und zweifelhaften religiösen Vorstellungen von einer Gesellschaft ab, die sie gerne mit offenen Armen aufnehmen würde.

Die Wissenschaft nennt das „negative Integration“: mehrere Gruppen, die eigentlich ganz verschiedene Ziele verfolgen, werden geeint, indem man auf Minderheiten hetzt. Dazu gehört: die gewünschte Gemeinschaft wird als großherzig und hilfsbereit, die Minderheit als feindlich und fremd hingestellt. Was dem Bismarckschen Reich Polen, Sozialisten und Katholiken, das waren der Bundesrepublik nach dem Zusammenbruch des zuvor die Allgemeinheit bedrohenden „Weltkommunismus“ zunächst Asylanten, dann, als deren Zahl ob abschreckender Maßnahmen immer weiter sank, die Nachkommen der Gastarbeiter.

Die bürgerliche Gesellschaft bröckelt. Die sozialen Unterschiede werden immer schärfer. Während wenige an der Spitze sich über staatliche Wirtschaftsspritzen freuen dürfen, schwindet die Mittelschicht, und immer mehr Menschen müssen mit immer weniger auskommen – übrigens nicht nur bei schlechter Wirtschaftslage: schon vor der Finanzkrise stagnierte das Realeinkommen der meisten. Die Schaffung von Randgruppen ist dabei eine bewährte Herrschaftstaktik. Der steigende Druck, die Angst, die Wut äußert sich überall. Da könnten sich die spätrömisch Dekadenten gegen ihre Herren wenden. Lieber schiebt man denen die Schuld zu, die noch weniger haben.

Natürlich ist es Unsinn, den Armen und Arbeitslosen ihre Lage selbst zuzuschreiben. Niemand wird ernsthaft behaupten, Millionen weltweit hätten entnervt gekündigt, als die Finanzkrise begann, nach dem Motto: nun habe ich aber keine Lust mehr. Darauf läuft dieser Randgruppendiskurs aber hinaus. Er grenzt die Verlierer dieser Gesellschaft aus, schiebt ihnen die Ausgrenzung in die Schuhe und verlacht sie dazu noch. Wer so denkt, hilft den Westerwelles und Ackermanns.

Sunday, 2 May 2010

Vom Suchen und Finden

Es gibt einen Satz in Auf der anderen Seite, der so wahr ist, daß es wehtut. „Auf einmal vermisse ich Deutschland“, sagt ein deutscher Buchhändler in Istanbul, „und auch die Sprache, obwohl ich natürlich von der hier umgeben bin, die ganze Literatur… Aber das ist wie ein Museum hier. Tot. Wie Latein. Und ich habe einfach Heimweh.“ Wie Latein: das Sprachgefühl schwindet. Was früher leicht über die Lippen kam, klingt künstlich, fremd. Man wird der Muttersprache, so Theodor Adorno, „enteignet“.

Auf der anderen Seite, der neueste Film Fatih Akins, ist voller solcher Augenblicke, die zugleich schmerzvoll und befreiend wirken. Akin verwebt die Geschichten von sechs Menschen in zwei Ländern und drei Sprachen. Ali Aksu (Tuncel Kurtiz) ist ein türkischstämmiger Rentner in Bremen, der aus Einsamkeit die ebenfalls türkische Prostituierte Yeter (Nursel Köse) dazu überredet, bei ihm einzuziehen. Nach einem traumatischen Vorfall macht sich Alis Sohn, der Germanistikprofessor Nejat (Baki Davrak), auf den Weg in die Türkei, um dort Yeters ihr entfremdete Tochter Ayten (Nurgül Yeşilçay) zu suchen. Die aber ist schon wegen ihrer Mitgliedschaft in einer linksradikalen Organisation nach Deutschland geflohen, wo sie die gleichaltrige Studentin Lotte (Patryicia Ziółkowska) kennenlernt. Deren Mutter (Hanna Schygulla) ist alles andere als begeistert von dieser Beziehung und kann nicht nachvollziehen, daß Lotte Ayten nach der Abweisung ihres Asylantrags in die Türkei folgt.

Damit ist kaum die erste Hälfte des Films erzählt, denn die Handlung ist durchaus komplex. Die Länge von 122 Minuten zeugt daher von der Selbstdisziplin des Regisseurs, der es versteht, ein vielschichtiges und kopflastiges Werk relativ leicht und schlank zugleich zu gestalten. Zu Recht ist bemerkt worden, Auf der anderen Seite fließe vor Themen über; dank Fatih Akins Können ist das aber für den Film nur von Vorteil. Er wird so zum reichen Gesamtkunstwerk, das zum Denken anregt und den Zuschauer auch nach Ende der Vorstellung nicht verläßt. Akin erzählt von Heimat und Fremde, dem merkwürdigen Gefühl, an einem Ort zu Hause zu sein. Warum behält Ali nach Jahrzehnten in Deutschland seine türkische Staatsbürgerschaft? Was zieht die Figuren von einem Ort zum anderen? Und es geht um den Tod, die größte Reise von allen – vor allem aber darum, wie die Hinterbliebenen mit ihrem Verlust umgehen: Fatih Akin, der Humanist, glaubt fest an ein Leben vor dem Tode.


Bei sechs Hauptfiguren verwundert es nicht, daß Akin dem einzelnen nur wenig Zeit opfern kann. Also müssen die Schauspieler aus wenig viel machen, und das Ergebnis ist phänomenal. Akin legt seinen Darstellern aus gutem Grund den Film zu Füßen. Aber selbst unter allerseits großartigen Schauspielleistungen sind Hanna Schygulla und Baki Davrak hervorzuheben. Schygulla verkörpert die Entwicklung ihres Charakters mit großer Sensibilität, und vermag durchweg zu überzeugen. Bei einer so erfahrenen Schauspielerin ist das aber kaum eine Überraschung, und Akins wahre Entdeckung ist damit Baki Davrak. Er verkörpert Nejat Aksu als zweifelnden, manchmal zornigen, suchenden Menschen, der lernen muß, aus dem Schatten seines Vaters zu treten, ohne diesen ganz zu verwerfen. Kaum mag man glauben, daß dieser phantastische Schauspieler sich einmal als Parkwächter durchschlagen mußte. Die Szenen, die Davrak und Schygulla sich teilen, gehören darum zu den Höhepunkten eines schon reichen Films.
Mit Auf der anderen Seite ist Fatih Akin, dem türkischstämmigen Deutschen, ein Meisterwerk über Heimat und Fremde, Liebe und Tod gelungen. Seine Figuren sind Wanderer zwischen beiden Welten, die nach einem Ort der Ruhe suchen. Alle Menschen sind dabei gleich: fast paradox mutet es an, dass die Unterschiede zwischen Deutschen und Türken gerade in einem Film über die Wichtigkeit der Heimat verschwimmen. Ohne Pathos gelingt dem Regisseur so ein Kaleidoskop des Suchens und Findens, eine ruhige, reife Erzählung, eine Geschichte, die traurig und nachdenklich stimmt – und hoffnungsvoll.

Sunday, 15 November 2009

Ein Sturm vom Paradiese her


In seinem Essay "Über den Begriff der Geschichte" schreibt Walter Benjamin:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Damit hat Benjamin den bürgerlichen Fortschrittsbegriff radikal verworfen. Im Historismus, der unser Geschichtsbild noch heute bestimmt und auch immer wieder in die Wissenschaft sich einschleicht, erscheint die Geschichte des Menschen als triumphaler Weg nach oben: von der Primitivität in die Höh', von der Finsternis ins Licht der Zivilisation. Der Historismus tendiert somit, wie Benjamin richtig erkennt, zu drei Schlußfolgerungen:

1. Er schreibt letztlich Universalgeschichte, denn wenn er die Geschichte als Aufstieg beschreibt, nimmt er sie insgesamt in Besitz.

2. Er begreift die Verlierer der Geschichte nur als Fußnote, als Hindernis auf dem Weg zur Zivilisation, als Sackgasse, kurzum: als überflüssig.

3. maßt er sich an, der Hegelsche absolute Geist habe gesiegt, und die Gegenwart besitze alle Weisheit und Vernunft, die den armen Barbaren der Vergangenheit fehlte.

Der Historismus ist somit tendenziell positivistisch, bejaht stets die herrschenden Verhältnisse, und vermag sich die Umwerfung letzterer gar nicht vorzustellen. Merke wohl: es gibt auch einen sozialistischen Historismus. Er zeigt sich wohl am klarsten und schrecklichsten im Stalinismus, der sich dazu berechtigt fühlte, seine Gegner auszulöschen und aus der Geschichte zu schreiben. Damit wurde in die Tat umgesetzt, was im Historismus ideologisch schon vorgezeichnet ist und sich im Werk stalinistischer Historiker wie E.H. Carr zeigt, die für die Verlierer der Geschichte keine Zeit und kein Verständnis haben.

Marx hat den bürgerlichen Fortschrittsbegriff, der noch Hegels Werk, in dem dialektische Entwicklung eben als Fortschritt verstanden wird, ausmacht, durch den historischen Materialismus ersetzt. In Marx' System gibt es Revolutionen der Produktionsmittel, aus denen sich gesellschaftliche und weltanschauliche Umwälzungen ableiten. Nur werden diese Revolutionen eben nicht als Fortschritt verstanden. Durch sie wird stets nur eine Gewaltherrschaft durch die andere ersetzt, werden die Produktions- und Vernichtungsmittel immer mächtiger, wächst die Gesellschaft an, vervielfacht sich das menschliche Elend. Eben das liegt Benjamins Geschichtsbegriff zugrunde: die Geschichte als immer weiter anwachsender Trümmerhaufen.

Weil der Marxismus sich für den Menschen als "ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen" interessiert und ihn zu befreien sucht, kann er mit dem Historismus nichts anfangen. Das aber hat die Linke nicht davon abhalten, dem positivistischen Fortschrittsbegriff in die Falle zu gehen. Der evolutionäre Sozialismus eines Bernstein zum Beispiel nimmt schlicht an, daß dank dem Fortschritt schon alles in Ordnung kommen werde. Er übersieht dabei, daß Marx' Dialektik, im Gegensatz zu der Hegels, offen ist: der Gang der Geschichte ist eben nicht ein unvermeidliches Fortschreiten auf vorgezeichnetem Wege, sondern wird von Menschen geformt. "Sozialismus oder Barbarei" ist eine echte Wahl. Wohin der evolutionäre Sozialismus führt, sieht man, als sich im ersten Weltkrieg die Sozialdemokratie mit den reaktionären Kräften des Kaiserreiches zum Burgfrieden verband.

Walter Benjamins Zerstörung des positivistischen Fortschrittsbegriff ist ein hervorragendes Beispiel negativer Dialektik: das bejahende Selbstverständnis unserer Gesellschaft wird auf den Kopf gestellt. Aber aus dieser Zerstörung wächst erst das Potential für ein Umdenken, für die Vorstellung einer Zukunft, die der Gegenwart dialektisch gegenübersteht. Der Historiker ist Trümmersammler.